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Seit nun fast einem Jahr arbeite ich an meinem Stehfaltenkleid…

Diese Art von Kleid wurde Ende des 15. Jahrhunderts, also im späten Mittelalter, bis in die frühe Renaissance getragen – genaue Nachweise gibt es für die Zeit ab 1470.

1.: Nachweise

Die Beispiele hier stammen vom Meister des Hausbuches, einem anonymen deutschen Künstler. … gut sichtbar ist das Detail, welches dem Kleid seinen Namen gibt:

Hausbuchmeister Nachweise

-> die senkrechten, „stehenden“ Falten unterhalb der Brust vorn und knapp unterhalb der Schulterblätter hinten. Von diesen Abbildungen stammt auch der Name „Hausbuchkleid“.

Außerdem bemerkenswert:

  • der Einsatz des Ärmels in das Armloch hinten – die sogenannte „Grande Assiette“ (frz.: großer Teller)
  • ein geradezu freizügig tiefer Ausschnitt
  • die auf dem mittigen und ganz rechts sichtbaren, hinten offenen Ärmel mit Schnürung und leicht hervorbauschendem Unterkleid
  • außerdem das Bindebändchen am Hals, eine Art Tassel, die das Kleid auf den Schultern der Trägerin hält

Aber es finden sich auch Nachweise in der Bildhauerei… SONY DSC

(Limburger Domschatz, 1465)

SONY DSC

(Saarbrücken, 1475)

Das Stehfaltenkleid hielt sich bis in die Renaissance – zumindest noch so lange, dass Albrecht Dürer Frauen in diesen Kleidern porträtieren konnte. Nachweise Dürer

(vlnr.: „Nürnberger Jungfrau im Tanzgewand“, „Nürnberger Frau zum Tanze gehend“, „Junge Fürlegerin mit geflochtenem Haar“)

Ihr seht – viel hat sich an diesem Kleid nicht geändert, auch wenn es anscheinend viele Varianten der Details gab.

Varianten

(vlnr.: keine Quelle , Meister des Hausbuches: „St. Katherina“ , Bildausschnitt „Gothaer Liebespaar“)

… weite Ärmel, schmale Ärmel, schmale nach hinten offene Ärmel, tiefer Ausschnitt, züchtig hochgeschlossener Ausschnitt, verschiedene Varianten der Tassel usw…

2.: Die praktische Umsetzung

… sah ich zum ersten Mal bei meiner Schneider-Kollegin Sandra hier, forschte weiter und stieß auf Bettinas  Seite sowie den Blog von Katafalk aka Cathrin, die auch ihre Schnitterstellung sehr ausführlich dokumentierte.

Für mich stand fest, dass ich auch so ein Kleid wollte, zumal ich zu dem Zeitpunkt (Mitte 2013) selbst Teil einer Spätmittelalter-Living History-Gruppe war. (Darstellungsjahr 1474)

Aber dank Querelen in besagter Gruppe, dem Alltag der zu bewältigen war und Leben im Allgemeinen dauerte es noch bis zum Frühjahr 2014, bis ich endlich das Stehfalten-Projekt anging.

2.1.: Nun aber wirklich!

Ich entschloss mich für

  • die „Dürer-Variante“ der Tassel, nicht direkt am Hals, sondern eher mittig im Dekolleté an einem doppelt geschwungenen Ausschnitt
  • schmale, hinten offene Ärmel (wie bei einem Teil der Hausbuchmeister-Nachweise)
  • den Versuch einer Konstruktion der „Grande Assiette“ im Armloch
  • Haken und Ösen als Verschlusslösung in der vorderen Mitte
  • und eine Überlänge des Rockes ringsherum

… weil ja bekanntlich ohne die letzte Minute nichts fertig werden würde, bastelte ich mir das Kleid innerhalb von zwei Nachtschichten zusammen. Stehfaltenkleid WIP 1

(O.l.: Vorderteil mit Falteneinsatz, o.r.: Ärmel mit Keil zugeschnitten, u.l.: Faltenteil für die h. Mitte, u.r.: Rückteil mit Grande Assiette und Seitenkeil)

Als Material verwendete ich ein feines, dunkelgrünes Wolltuch, dass ich seit mehreren Jahren daheim hatte, aber nie wusste, was letztendlich draus werden sollte (gefunden bei Bogner Stoffe in Erlangen, noch während meiner Ausbildungszeit…).

Wie ihr sehen könnt, habe ich den Torso des Kleides und die oberen Teile der Falteneinsätze mit grauem Leinen unterlegt. Die Ärmel sind entlang der Kanten mit dem Leinen verstürzt.

Stehfalten NahaufnahmeFaltenteil hinten

So sah übrigens meine Lösung zu den Stehfalten aus. Waagerechte Linien in gleichmäßigen Abständen, Falteninhalt und Faltenzwischenraum markieren, mit Seidengarn zusammenziehen, immer wieder verstechen – und mit diesen Stichen den Wollstoff mitfassen.

-> Ich glaube NICHT, dass dies die ideale Variante ist, die Falten zu arbeiten. Eventuell gehe ich den Versuch an, noch mal voluminösere, stabilere Falten zu produzieren…

Das Ergebnis der Nachtschicht sah dann so aus: Fertig Collage

Es gab viele Kleinigkeiten, die mich an meinem Werk störten, und ich hatte in der Saison 2014 einfach keine Zeit, die Kinderkrankheiten auszumerzen.

Immerhin trug ich das Kleid drei Mal: auf dem Himmelfahrtslager in Hartenstein, dem Pfingstritterturnier in Weesenstein und zur Turney vom Einhorn in Bexbach – wo ich viel positives Feedback erhielt.

Aber mir waren die Schwachstellen bewusst…

3.: Nachbessern

Endlich kam ich dazu, dem berühmten Spruch „Das mach ich im Winter!“ alle Ehre zu machen. (Normalerweise lachen die „Mittelalterleute“ darüber,  weil man im Winter meist zu gar nichts kommt 😉 )

Nach einer Anprobe nahm ich das Stehfaltenkleid fast vollständig auseinander, trennte die Ärmel raus sowie den hinteren Faltenteil, trennte die Edelmetall-Haken und -Ösen ab und den Saum auf.

Die Überlänge ringsherum hatte sich als enorm hinderlich erwiesen… DSC_0208Offenes Armloch

Saum neu 1

… nach ein paar Abenden Gebastel saß der hintere Faltenteil etwas weiter oben, das Kleid war vorn nur noch bodenlang, die Ärmel neu eingenäht… Ärmel eingeäht

… und ich hatte begonnen sämtliche Nahtzugaben mit Hand zu versäubern.

Derzeit bin ich dabei, selbstgebogene Haken und Ösen anzunähen – für den Verschluss in der vorderen Mitte und die Schnürung an den Ärmeln.

Haken und Ösen VM

Ärmel mit Ösen

Ösen am Ärmel

4.: Fürs Gesamtbild

Als passende Accessoires sind derzeit… …eine Wulsthaube mit Steuchlein

pair_lovers_gr

… und ein gesmoktes Unterkleid

DÜRER, Albrecht Portrait of a Young Fürleger with Her Hair Done Up 1497

… in Arbeit.

Das fertige Gesamtwerk werde ich euch bald in einem separaten Blog-Eintrag präsentieren.

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